Jan 24 2011

Unsere Kultur, my ass!

Ich weiß mehr nicht genau, auf welchen Wegen ich zu diesem Verein Deutscher Sprache gekommen bin (irgendwie von hier nach hier, glaube ich), doch als mich schon auf der ersten Seite halb Prominente (lat.: prominentia, “das Hervorragende; aus pro minere“) Kreuzzügler zum Erahlt der deutschen Sprache aufriefen, juckten die Finger. Eine wunderschöne Replik (v. lat.: replicare, “wiederholen, kopieren” (lat.: copia ‚Menge, Vorrat‘))  auf diesen Blödsinn in aller feinstem Deutsch. Meine Fresse ist das schwer. Fängt man einmal an, alle Wörter aus dem Vokabular (lat.: vocabulum “Benennung, Bezeichnung“) zu streichen, die ihren Ursprung nicht im Deutschen haben, fällt einem erst auf, wie dämlich das Geschwurbel vom Erhalt der Deutschen Sprache ist. Schon die Frage, was Deutsch sei und was nicht, lässt sich ja kaum beantworten. Dennoch: ausgehend von der Prämisse (lat. praemissum „das Vorausgeschickte“), dass wer hier und da ein paar Anglizismen verwendet, schon den Untergang der deutschen Kultur (lat.: cultura, „Bearbeitung“, „Pflege“, „Ackerbau“, von colere, „wohnen“, „pflegen“, „den Acker bestellen“) betreibe, fordern eine ganze Reihe von mehr oder weniger Prominenten, die deutsche Sprache in das Grundgesetz aufzunehmen (zumindest ist das die Forderung einer Petition (lat. petitio „Angriff“, „Ersuchen“), die der Verein zusammen mit der Bildzeitung unterstützt). Beim Nachdenken über diesen Unfug sammeln sich soviele Gedanken an, ich weiß kaum, wo ich beginnen soll.

Wir können ja mal der Behauptung nachspüren, dass wer Lehnwört nutzt eine “Schimpansensprache” (“Schimpanse”:  Tschiluba, kivili-chimpenze: “Scheinmensch”) spreche:
Schauen Sie aus dem Fenster (lat.: fenestra.) und versuchen Sie ein Automobil (griech.: “selbst” und lat.: “bewegliches“) ganz ohne Lehnwörter zu beschreiben. Hat der Wagen ein Anti (griech.: “gegen”)-Blockier-System (griech.: “das Gebilde”)? Vielleicht einen Katalysator (griech.: “Auflösung” mit lateinischer Endung)? Benziner, Diesel oder Hybrid (lat.: “Gebündeltes”)-Antrieb? Wie zuverlässig ist die Elektronik (griech.:)? Schon ein Navigation(lat.: navigare “führen, leiten”)sgerät an Bord, fahren sie vielleicht mit Spurassistent (lat.: assistere “beistehen”)?
Wenn Sie von Berlin (vermutlich aus dem ‘Altpolabischen’, also slawischen Ursprungs. brl: “Sumpf” und Suffix “-in”. “Ort im Sumpf”) nach Köln (von lat.: colonia, “Kolonie” bzw. colere, “bebauen”) fahren, wieviele Sprachgrenzen passieren Sie da? Fahren sie in Moabit los, dann ist es noch eine mehr (Wobei sich die Gelehrten uneins sind, ob der Name aus dem Hebräischen, Slawischen oder Französischen stammt). Man mag mich ja einen üblen Polemiker (griech.: “feindselig”) schimpfen aber dieser willfährige Bastard (lat.: bastardus?), der schon seit Jahrtausenden mit jeder Hure ins Bett steigt, die nicht bei drei auf dem Baum ist, gilt also als besonders schützenswert? Interesting! Wer dieser Tage sein ordinäres (franz.: ordinaire, “gewöhnlich”) Deutsch mit allerlei Latein und Altgriechisch anreichert gilt als gebildet, wer der gleichen Sprache Anglizismen beimengt ist ein Affe. Ein Prosit, ist das Einzige was mir da noch einfällt.
Schauen wir doch mal genauer, was es mit diesen Lehnwörtern auf sich hat. Augenscheinlich gelangen die meisten Lehnwörter zusammen mit dem gedanklichen Konzept (lat.: concipere “erfassen”), welches sie benennen in eine Sprache. Als ehedem die Germanen anfingen Technologie (altgr. téchne, “Fähigkeit” und lógos, “Lehre”) von den Römern zu übernehmen, taten sie dies samt und sonders, also zusammen mit dem Namen, den die Römer dafür hatten. Es ist weniger der Begriff der einsickert, sondern vielmehr das Konzept, die Technik (siehe Technologie) die ein bestimmter Kulturkreis übernimmt. Gleiche Mechanismen (griech.: mechané “Maschine”, “Werkzeug”) sind noch heute am Werk, nur sitzt der Ideengeber jetzt in Übersee und nicht mehr in Italien. Vermutlich werden in ein paar Jahren die ersten chinesischen Bruchstücke ins Deutsche einsickern, wundern würde es mich nicht. Bisher hat es wohl auch nicht geschadet: im Gegensatz zum Römischen Reich und der lateinischen Sprache ist das Deutsche noch ziemlich lebendig. Ich kann es kurz machen: Die Weigerung, hier und da ein paar Lehnwörter zu akzeptieren, ist mehr als nur “sprachliche Kleingärtnerei”. Das ist schlicht ein Desinteresse (lat.: inter „zwischen, inmitten“ und esse „sein“) an Neuerungen und Entwicklungen. Das Festschreiben einer bestimmten Ausdrucksform als allgemein- und vorallem endgültig ist, als ob man sagen würde: “Das war´s jetzt. Feierabend. Geschichte ist aus, ab heute verändert sich nichts mehr”. Vielleicht sollte man den Herrschaften mal den Gedanken nahe legen, dass die Konzepte und Probleme, die bestimmte Begriffe bezeichnen, nicht verschwinden nur weil wir das zugehörige Substantiv (lat.) ausmerzen. Die Sprache transportiert (lat. trans-portare ‚(hin)überbringen, -tragen‘) nur die Lebenswirklichkeit ihrer Sprecher, verändert sich die Welt, verändert sich die Sprache.
Bemerkenswert auch die These, dass nur Sprachen wie das Deutsche taugen würden z.B. physikalische Abhandlungen zu verfassen. Degenerierte Sprachen mit einem Wortschatz von weniger als 500 Wörtern und nur ein paar Regeln können wohl keine vollwertige Sprachen sein (Sie nennen sie “Bananensprache”). Darüber lässt sich streiten oder ein bis zwei Beispiele aus der Informatik (Kofferwort vermutlich aus Information und Automatik oder Information und Mathematik, einmal dürfen sie raten welchen Ursprungs diese Wörter sind) anbringen.
Die Turingmaschine ist eines der wichtigsten Konzepte der Informatik. Es gilt die These (Hossa!), dass jede von Menschen berechnenbare Funktion (Oh!) auch von einer Turingmaschine berechnet werden kann. Das Bemerkenswerte an der Turingmaschine ist sein Sprachumfang: er lässt sich auf drei Operationen (Lalala!) reduzieren (Lesen, schreiben, Schreib/Lesekopf bewegen. Ach und…). Die Turingmaschine ist nur theoretischer (Hui!) Natur, jedoch sieht der Sprachumfang tatsächlicher Mikroprozessoren nicht unbedingt besser aus. Ihr Zeichenvorrat besteht aus exakt zwei Zeichen (0 und 1) und als Befehlssatz (Wortschatz) reichen Lesen, Schreiben, kopieren, inkrementieren und Speicherzellen vergleichen (gängie Assemblersprachen kommen in der Regel mit 30 bis 50 Befehlen aus). Mit etwas Geschick und Know How lassen sich damit alle weiteren Rechenoperationen (Division und Multiplikation etc.) ableiten. Dass diese Automaten in der Lage sind physikalische und mathematische Zusammenhänge nicht bloß zu beschreiben sondern auch gleich zu berechnen, beweist die Flimmerkiste  auf der Sie gerade diesen Text lesen (denken Sie an die Geomtrie (Nope, kein Deutsch), die ihr Rechner allein für die Darstellung von Fenstersystemen unter Windows, Linux oder MacOS braucht).
Natürlich ist das Beispiel wenig intuitiv (wollen sie mal schauen, wo das Wort her kommt?), jedoch zeigt es eins: Die Mächtigkeit einer Sprache hängt nicht maßgeblich von ihrem Wortschatz oder dem Umfang ihrer Grammatik (raten Sie mal…) ab, sondern vielmehr vom Geschick des Sprechers. Die Annahme, dass das Deutsche besonders schützenwert sei, weil z. B. Goethe seine Texte auf Deutsch abgefasst hat, ist vor diesem Hintergrund schlicht Blödsinn. Er spielte gut auf der Klaviatur (na, können Sie noch?), die ihm das Deutsche bot und hat es sprichwörtlich zum Klingen gebracht. Die von ihm verwendete Sprache ist dabei aber austauschbar. Und unter uns: Wenn es uns tatsächlich um eine möglichst präzise (find gerade keinen Link) und eindeutige Sprache ginge, die uns quasi (hmm…) mathemathisch genaue und besonders vielfältige Ausdrucksmöglichkeiten an die Hand gibt, sollten wir dann nicht vielleicht eher Latein oder Russisch ins Grundgesetz aufnehmen?

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr manifestiert (einen noch) sich ein Gedanke: Wenn das Deutsche tatsächlich so überlegen sein sollte, dass sie den Schutz des Grundgesetzes verdient, dann braucht sie ihn nicht. Sie wird sich schon durchsetzen. Ist sie es nicht, lasst sie verrecken.