“Ich hab da so rote Pillen von meinem Arzt, da muß ich nur draufbeißen und alles wird gut.” Und ich sag noch so flappsig: “Pass auf, das ist bestimmt Zyankali!” Für sich genommen eher ein witziger Dialog, mich beschleicht aber langsam das Gefühl, das da durchaus ein ernster Hintergrund zu vermuten ist. Aber alles der Reihe nach:
Wenn man bei einen seiner vielen Jobs, bei diversen Veranstaltungsagenturen, PA-Verleihern und manchmal in Veranstaltungshäusern auf Leute trifft, die von ihren Arbeitgebern bzw. Mitarbeitern oder Vorgesetzen offenkundig massiv gemobbt werden, sollte man als halbwegs loyaler Mensch hellhörig werden und lauthals protestieren, und zwar mit dem Joker in der Hinterhand als Aushilfsfreiberufler, der eigentlich gut in Lohn und Brot steht, nichts weiter zu verlieren zu haben, als ein paar anstrengender Jobs weniger, die einem die Wochenenden versauen und verhältnismäßig wenig Kohle einbrigen. Wenn man dann auch noch in einem Gesprächsfetzen mitbekommt, das da jemand scheinbar nur noch mit ärtzlichem Beistand in der Lage ist seiner täglichen Arbeit nachzugehen, weil Kollegen ihm laufend Knüppel zwischen die Beine werfen, dann sollten eigentlich alle Alarmglocken läuten und man selbst müßte einer solchen Knochenmühle umgehend den Rücken kehren und ein fröhliches “Schönes Leben noch!” in den Bart murmeln, während man sich wieder seinen eigentlichen Aufgaben widmet. Die Gefahr, das da jemand mit Hilfe der eigenen Arbeit Dritte gesundheitlich ruiniert und vielleicht sogar noch Geld dabei verdient, ist einfach zu groß. Dummerweise war lediglich unser Veranstaltungstechnikermaskotchen in der Lage mehr aus dem Gespräch zu lesen als ich. Ich für meinen Teil habe mich so sehr über die Steilvorlage gefreut, das ich nicht anders konnte als Pillen, die man zerbeißen muß, mit alten Agentenfilmen in Verbindung zu bringen und das auch noch laut in die Runde zu rufen.
Wenn die Pillen keine vom Arzt verschriebenen Placebos waren, handelte es sich vermutlich um ein leichtes Sedativum, denn der Gute hat alle Mühe ruhig zu bleiben, wenn er sich mal wieder Anfeindungen seiner Kollegen gegenüber sieht. Herzrasen, Bluthochdruck vermutlich Schwindelgefüle. Normalerweise würde man sagen: “Reibung gibt es überall…” Sicher und die selben Symptome treten auch bei Menschen auf, die viel Nacht- und Schichtarbeit absolvieren, wie es im Veranstaltungsbereich üblich ist. Also alles ein normaler Zwist zwischen Kollegen? Wenn es nur tageweise vorkäme, würde man nicht mehr oder weniger unverholen mit Kündigung drohen, wenn besagter Kollege nicht die geplanten Umstrukturierungen abnickt, die dazu führen würden, das alle in seine (durchaus verantwortungsvolle) Aufgabenbereiche hineinreden und Entscheidungen revidieren können, ohne dafür entsprechend Verantwortung zu übernehmen. Dies war nämlich genau der Punkt, wo das Herzrasen einsetzte. Man stelle sich das so vor:
Da ist eine Halle, die für 800 Besucher zugelassen ist. Im Zuge der Vorbereitungen für eine Veranstaltung wird von Seiten der technischen Leitung festgelegt, das nicht mehr als 800 Besucher eingelassen werden. Dann stellt sich heraus, das falsch kalkuliert wurde und die Veranstaltung sich erst dann trägt, wenn 1000 zahlende Besucher vor Ort sind. Also wird die Entscheidung der Technik außer Kraft gesetzt und 1200 Karten verkauft. Kommen dann im Laufe der Veranstaltung Menschen zu schaden, würde die technische Leitung für die 400 Gäste, die zuviel in der Halle waren, zur Verantwortung gezogen und das obwohl die Entscheidung nicht einmal von ihr gefällt wurde; von der sie unter Umständen noch nicht einmal etwas gewußt hat. Da setzt auch bei mir ein wenig Bluthochdruck ein (allerdings aus anderen Gründen). Eine völlig absurde Vorstellung, die sich hier offenbart, untergräbt sie doch den Begriff von “Verantwortlichkeit” schon im Ansatz. Wer Verantwortung übernimmt braucht auch den entsprechenden Ermessensspielraum, um dieser gerecht werden zu können und die Gewisseheit, das getroffene Entscheidungen auch umgesetzt werden. Natürlich sehen das Juristen genauso und würden nie den “formal gesehen Verantwortlichen” vor den Kadi ziehen, sondern immer Fragen, wer letztendlich die Entscheidung gefällt hat. Dummerweise ist es bei ausreichend vielen Köchen stets sehr schwer denjenigen zu finden, der die Suppe letztendlich versalzen hat. Nebenbei: Gibt es einen, auf den alle Finger zeigen, dann kann auch der gescheiteste Richter nicht anders.
Was mich an den roten Pillen vielmehr stört, ist der wenig kaschierte Versuch jemanden aus dem Betrieb zu entfernen, der durch Sachzwänge laufend unliebsame Entscheidungen treffen muss. Mit Kündigung ist ihm ja schon gedroht worden. Statt ihn aber einfach vor die Tür zu setzen, eine entsprechende Abfindung zu zahlen und den Kram selbst zu machen, von dem man glaubt, man könne ihn ohnehin viel besser als andere, mobbt man fröhlich drauf los und hofft, irgendwann wird er dem Druck schon nachgeben und von sich aus kündigen. Dann muss man wenigstens nichts zahlen. Oder der Kollege wird krank, arbeitsunfähig und muss deshalb den Job aufgeben. Dann wird die Krankenkasse einspringen und man muß wieder nichts zahlen. Letzteres kam mir gestern in den Sinn, als ich nochmal darüber nachdachte, wie mir jemand von diesen roten Pillen erzählte, die sein Arzt ihm verschrieben hat. Und ich stehe daneben und mach blöde Sprüche…
Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang nur noch, das es sich um eine gemeinnützige Einrichtung handelt. Eigentlich würde man erwarten, das die Zustände dort Andere sind. Weit gefehlt. Es geht ums Gemeinwohl, da kann auf Einzelschicksale keine Rücksicht genommen werden.
Ich will mal schauen, wieviel Lust ich noch auf dieses Haus habe. Den Link aus meiner Blogroll habe ich entfernt.