Sehr gut Meike!
Das die Gewinnerin meines Fernseherverschenkausschreibens selbst ein Blog betreibt war mir neu und gleich der erste (also mehr der letzte) Eintrag trifft es auf den Punkt. Eigentlich “nur” ein Tucholsky-Gedicht, wenn man sich das aber mal wegdenkt, kommt man gar nicht umhin zu glauben, das hätte jemand vorletzte Woche geschrieben. Die ein oder andere Floskel hört man heute auch wieder, die ein oder andere Vokabel scheint auch damals schon aktuell gewesen zu sein und das schon damals die Regierungen versucht haben die Banken zu unterstützen, ist da eigentlich nur noch Ironie. Hoffen wir mal, das es dieses mal glimpflicher abläuft und für alle, die gern wissen möchten, wovon ich rede:
Wenn die Börsenkurse fallen,
regt sich Kummer fast bei allen,
aber manche blühen auf:
Ihr Rezept heißt Leerverkauf.Keck verhökern diese Knaben
Dinge, die sie gar nicht haben,
treten selbst den Absturz los,
den sie brauchen – echt famos!Leichter noch bei solchen Taten
tun sie sich mit Derivaten:
Wenn Papier den Wert frisiert,
wird die Wirkung potenziert.Wenn in Folge Banken krachen,
haben Sparer nichts zu lachen,
und die Hypothek aufs Haus
heißt, Bewohner müssen raus.Trifft’s hingegen große Banken,
kommt die ganze Welt ins Wanken –
auch die Spekulantenbrut
zittert jetzt um Hab und Gut!Soll man das System gefährden?
Da muss eingeschritten werden:
Der Gewinn, der bleibt privat,
die Verluste kauft der Staat.Dazu braucht der Staat Kredite,
und das bringt erneut Profite,
hat man doch in jenem Land
die Regierung in der Hand.Für die Zechen dieser Frechen
hat der Kleine Mann zu blechen,
und – das ist das Feine ja -
nicht nur in Amerika!Und wenn Kurse wieder steigen,
fängt von vorne an der Reigen –
ist halt Umverteilung pur,
stets in eine Richtung nur.Aber sollten sich die Massen
das mal nimmer bieten lassen,
ist der Ausweg längst bedacht:
Dann wird bisschen Krieg gemacht.
Kurt Tucholsky, veröffentlicht in „Die Weltbühne”, 1930
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November 5th, 2008 at 17:18
Ne wat schön, dass auch dich der Kurt begeistert hat. Man könnte meinen, er hätte geahnt, was auf uns zu kommt.
Anbei, ich bin überrascht, dass du mich erst “so spät” gefunden hast. Bin ja nun doch schon einige Monate (wenn auch mäßig aktiv) dabei.
Beste Grüße ins schöne Oldenburg.