Morgenlektüre (I)
Heute habe ich seit Langem mal wieder die NWZ aufgeschlagen. Seit Jahren lese ich von Tageszeitungen eigentlich nur das Hauptblatt, also den Politikteil, so auch heute. Das Lesen der NZW ist für jemanden wie mich immer ein zweischneidiges Schwert, als konservative Tageszeitung aus dem ländlichen Raum, teilt man natürlich nur wenige Ansichten, die hier über Gott und die Welt vertreten werden. Zwar macht die Redaktion der NWZ keine derart hanebüchenen Fehler, wie beispielsweise die Bildzeitung, dennoch spricht die Themenauswahl manchmal Bände. Bemerkenswert ist auch immer wieder, welche Personen, mit welchen Aussagen zitiert werden. Heute war es Edmund Stoiber zu der Begnadigung des RAF-Terroristen Klar.
Klar hatte sich anlässlich der Rosa-Luxemburg-Konferenz in einer Art geäußert, die vermuten läßt, das er noch immer nicht mit dem kapitalistischen System im Reinen ist und sich lieber ein eher sozialistisches Gemeinwesen wünscht (Zugegeben, das war jetzt sehr diplomatisch formuliert). Diese Äußerung nimmt Ede zum Anlass, um über die Sicherungsverwahrung straffällig gewordener nachzudenken, die sich abfällig über das politische System äußern. Es fällt natürlich schwer, die Taten eines Christian Klar einfach außer Acht zu lassen, wenn man sich mit diesem Fall beschäftigt, dennoch darf es als höchst fragwürdig gelten, wenn die Frage nach dem Haftmaß, beziehungsweise einer etwaigen Begnadigung, davon abhängt, welche politischen Äußerungen ein Mensch macht. Sagt was ihr wollt, ich sehe diese Äußerungen schon als Angriff auf die Meinungsfreiheit (auch wenn ich die Meinung des Herrn Klar nicht teile). Es gibt nämlich nicht viele Äußerungen in Deutschland, die strafbewährt sind. Und das aus gutem Grund. Solange sich keine Aufrufe zur Gewalt oder volksverhetzende Aussagen finden, hat sich der Staat aus dem Denken seiner Bürger heraus zu halten. Das gilt auch für Strafgefangene. Ich frage mich natürlich, ob dieses Zitat nur zufällig auf der ersten Seite zu finden ist.
Lustig ist auch der Ausruf von Herrn Guido Westerwelle, bezüglich des Oscars für den Regisseur Florian Henckel von Donnersmark. Ja, auch Guido hat es auf die erste Seite geschafft: “Wir sind Oscar!”. Langsam kotz ich echt im Strahl. Nachdem wir zwar keine Fußballweltmeister, dafür immerhin Handballweltmeister sind, der amtierende Papst ein deutscher ist, haben “WIR” nun endlich einen Oscar gewonnen (übrigens schon der Dritte). Wer ist eigentlich “WIR”? Tucholsky würde sagen:
Wer waren unsre Ahnen?
Kaschubische Germanen.
Die zeugten zur Erfrischung
uns Promenadenmischung
Drum drehten wir
zum Beten hier
die nationale Rolle.
Was Wotan weihen wolle –!
Langsam bekomme ich das Gefühl (und nicht erst seit Möllemann), das sich auch im liberalen Lager schleichend eine Patrioten Fraktion heraus bildet. Blöde Schreckgespenster liegen mir nicht aber ein wenig seltsam finde ich diese Entwicklung schon.
Den Film habe ich indessen nie gesehen, und ich zweifle seit heute, ob ich das nachholen möchte. Geht es Deutschland so schlecht, das wir jedes bisschen Erfolg brauchen, um uns Selbstbewusstsein einzuflößen? Glaubt die Politik tatsächlich an ein zweites Wunder von Bern und das der Oscar dieselbe Zuversicht auslösen kann, wie der Weltmeistertitel von damals? Scheinbar sollen Erfolge in Kunst, Sport und Kultur das Wirtschaftswachstum erzeugen, welches durch verfehlte Finanz-, Wirtschafts- und Steuerpolitik eigentlich gar nicht anspringen will. Salopp gesagt, die wollen vom Thema ablenken und die NWZ macht fleißig mit.
Immerhin hat die NZW die Zeichen der Zeit erkannt und berichtet fast täglich über das Thema “Umweltschutz”. Ja, das muß ich denen eigentlich zu Gute halten, auch wenn dieses Thema umgehend auf Seite drei verbannt wurde, also scheinbar für niemanden von Belang ist.
Kein ähnlichen Artikel.

