Harmonielehre: In Vivo Guitar
Noch ein Buch über Harmonielehre! Ja, ich weiß besonders viele lohnenswerte Veröffentlichungen gibt es da nicht. Warum empfehle ich “In Vivo Guitar” und mache mir dann auch noch die Mühe, das Buch zu besprechen? Weil ich weiß, wieviel Mist unter dem Label “pädagogisch wertvoll” veröffentlich wird; um allen die Orientierung zu erleichtern, also hier mal mein persönlicher Favorit in Sachen Harmonielehre.
Der Autor Abi von Reininghaus stammt aus dem “Gitarre und Bass” Dunstkreis. Für viele (und so war es am Anfang auch für mich) ist das allein schon ein Qulitätskriterium. In der Tat zeichnen sich diese Bücher in der Regel durch große allgemein Verständlichkeit aus, so auch “In Vivo Guitar”. Der Titel des Buches ist übrigens etwas mißverständlich, zwar richtet sich Abi (als Gitarrist) an Gitarristen, der Inhalt ist jedoch für alle Instrumentengruppen gleichermaßen gültig und anwendbar. Also wenn hier der ein oder andere Keyboarder oder Gitarrist mitliest: Auch euch kann dieses Buch durchaus interessieren. Worum geht es also in dem Buch?
Entgegen der üblichen Literatur von Gitarristen für Gitarristen haut uns Abi nicht laufen irgendwelche Übungsstücke um die Ohren, um die Fingerfertigkeit zu trainieren (Sprich: Zu frickeln, Dühne rauf, Dühne runter…). Nein, er konzentriert sich auf die harmonischen Grundlagen. Kirchentonarten, Harmoniefolgen etc. Das Schöne ist, bei ihm wird die Harmonielehre nicht zum Hilfswerkzeug für Leute, die ihre Songs um die Gitarrensoli herum bauen und Tonmaterial brauchen, um immer neue Soli zu erfinden. Nein, es geht mehr in Richtung Komposition. So war ich nach der Lektüre des Buches (und ein paar Übungen später) wesentlich besser in der Lage, meine Songs zu strukturieren und schon vom Harmonieschema her (also von Beginn an, da ich meistens mit dem Text beginne und den dann Vertone) mehr Abwechslung zu schaffen und mehr Stimmungen zu transportieren. Allein das ist schon Grund genug, sich intensiv mit dem Thema Harmonielehre zu befassen (und jetzt, wo ich weiß, wie es geht frage ich mich natürlich, wie ist es jemals ohne gegangen…)
Abi hat noch andere Vorzüge. So kommt er nicht aus einer Schule, wo es üblich ist einfach ein Buch aufzuschlagen und alles, was sich dort liest für bare Münze und der Weisheit letzter Schluss zu nehmen. Es hat sich angewöhnt, alles zu hinterfragen und nichts als Selbstzweck zu betrachten. Was mir persönlich sehr gut gefällt (da latent revolutionär). So ist der Quintenzirkel für ihn kein Muß, er entlarvt es stattdessen mehr als didaktisches Werkzeug, was die Musikwissenschaft wohl schon seit Jahrhunderten mit sich herumschleppt (und deshalb wohl von vielen immer so überhöht wird).
Für die Uni ist dieses Buch sicher nicht, da er nicht so viel auf Formalia wert legt. Dennoch für Autodidakten genau das richtige, also sicher mal einen Blick wert.
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